Liebe Familie Riße,
wie grausam das Schicksal doch sein kann, vorgestern wäre Ihre Anneli-Marie 18 Jahre jung geworden, ein Geburtstag, auf den sich wohl jeder Teenager unendlich freut und darauf hinfiebert. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass Ihre Tochter, wo auch immer sie jetzt sein mag, ganz nah bei denen ist, die sie lieben und die in ihrem Namen um Gerechtigkeit kämpfen. Ich kann gut verstehen, dass Sie bei dem Prozess Präsenz zeigen möchten, ich würde das sicherlich auch versuchen. Ganz offensichtlich sind schon die Gründe dieser beiden Angeklagten, nämlich Habgier, Neid und Unmenschlichkeit, nicht mit normalem Menschenverstand und vor allem nicht mit Menschlichkeit zu erklären. Deshalb wird es wohl relativ unwahrscheinlich sein, von diesen beiden Reue oder gar ein Schuldgeständnis zu erwarten. Denn das würde ja Sozialität und Verstand voraussetzen - etwas, was diesen beiden offensichtlich völlig fehlt. Denn wer könnte sonst so kaltblütig und herzlos das Leben eines gerade mal siebzehnjährigen Mädchens auslöschen??
Heute war der letzte Schultag und vergangenen Samstag fand die Abschlussfeier der Abiturienten statt. Anneli hätte dabei sein müssen, leider war ihr dies nicht vergönnt aufgrund der Dummheit. Habgier und Unüberlegtheit dieser beiden Kerle. Hätte Herr Beisser sich schon im August letzten Jahres einen Aktenordner vor sein Gesicht gehalten, wäre sicherlich alles anders verlaufen. Auch wenn ich Ihnen diese schwere Last nicht von den Schultern nehmen kann, ich denke fast täglich an Anneli und wünsche Ihnen, Familie Riße ganz viel Kraft, um diesen Prozess durchzuhalten. Vor ungefähr drei Wochen war ich an der Stelle, wo Anneli-Marie entführt wurde. Es war ein sonniger und schwülheißer Tag, in der Ferne hörte ich schon Donnergrollen, die Vögel zwitzscherten und die Bienen und Hummeln summten - es war eine so friedliche Idylle...es fiel mir so schwer, zu glauben, dass hier ein so ein schreckliches Verbrechen seinen Anfang genommen hat.