Liebe Anneli,
um ehrlich zu sein, ich kannte dich nicht. Ich habe erst vor einigen Wochen erfahren, dass es dich gegeben hat. Dass es dich für so viele immer noch gibt. Eigentlich wollte ich schon lange einen Eintrag für dich formulieren. Ich dachte nur ebenso lange, es stünde wirklich nur denen zu, die dich kannten. Familie, Freunde, Bekannte ... . Heute hättest du deinen achtzehnten Geburtstag gefeiert. Und für so viele ist die Volljährigkeit ein so großes Fest. Deswegen traue ich mich heute. Deswegen möchte ich heute diese wunderschöne Seite für das nutzen, wofür sie gedacht ist. Und weil ich deinen Eltern, ihnen allen, nichts sagen könnte, nichts Tröstendes, Heilendes, Hilfreiches ... schreibe ich an dich.
Seit ich weiß, was dir an diesem einen Tag widerfahren ist, ... dieser eine Tag, den ich in deinen Stunden des Todes bestimmt für irgendetwas Unbedeutendes aufgebraucht habe (Gott, ich erinnere mich nicht mal mehr daran, es war Urlaub, es war heiß, ich habe mich möglicherweise sogar gelangweilt) geht mir nichts mehr von dem, was ich über dich herausgefunden habe aus dem Kopf. An vielen der letzten Morgende bin ich aufgewacht und hatte zuerst ein Bild von dir vor Augen. Dank deinen Eltern existiert es klar und sehr, sehr engelhaft. (Wie hast du es nur hingekriegt, dass deine Haare immer so toll aussahen?) Ich habe es mir so oft gedacht. Nur eine winzig kleine Sache, die anders gelaufen wäre ... . Und du könntest jetzt noch leben. Und so viele Menschen könnten jetzt noch mit dir leben. Ungebrochen, rein ... und einfach normal. Es ist unglaublich, wie viele dich gekannt haben. Wie viele dich so gern hatten. Das zu schaffen ... . Ich schätze, es ist eine große Seltenheit. Die Seite für dich ist wundervoll geworden. Die Zeilen für dich zerreißen einem das Herz. Man steht nur außerhalb. Man stellt sich vor, wie es sein muss, sich innerhalb aufzuhalten. Und das für immer.
Du musst unendliche Angst gehabt haben. Es muss so weh getan haben. Vielleicht hast du noch bis zum Ende geglaubt, dass es nach dem Ende weitergehen würde. Der Tod ist immer unwirklich. Man weigert sich bis zum Schluss dagegen. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt Szenarien, die dich zerstören. Dieses ... deines ... . Ich muss es abbrechen. Nur gerade kann ich es nicht. Also schreibe ich, wie ich es immer tue, wenn ich nicht weiter weiß.
Du wirst so sehr vermisst, dein Verlust scheint die ganze Welt getroffen zu haben. Und es tut mir so leid. Es tut mir so leid, dass du nicht das erleben wirst, was du alles noch vor dir hattest. Dass diese "Männer" weiterleben werden, während du es nicht darfst. Dass sie mit deinem Blut an ihren Händen die nächste Klinke in die Hand nehmen und durch eine offene Tür gehen werden. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die neben ihnen im Gerichtssaal sitzen und sie verteidigen. Möglicherweise, weil es nicht ihre Tochter war, die ermordet wurde.
Ich habe Worte für dich. Aber nicht für deine Mörder. Für den "Alten", der nun hofft, neben dem "Anderen" unschuldiger und ahnungsloser auszusehen. Für den "Anderen", der seine Fratze hinter einem Ordner versteckt, obwohl er dir noch in die Augen geblickt hat. Was er in diesen Momenten gesehen hat ... wie sie beide auch noch nur nach Luft schnappen können ... wie der andere vor Gericht erzählen kann, wie er die Zeit nach deinem Tod für sich genutzt hat ... .
Wir wollen unseren Verstand einsetzen. Doch hier setzt er aus.
Was passiert mit uns?
Warum konntest du nicht gerettet werden?
Ich bin vor einigen Monaten aus der Kirche ausgetreten. Ich konnte den größten Teil dieses Geredes aus ganz eigenen Gründen nicht mehr ertragen. Ein barmherziger Gott hätte dich beschützt und allen zurückgebracht. Ein gleichgültiger Gott, der, der dich ohne einzugreifen hätte sterben lassen, verdient es nicht, angebetet zu werden. Er verdient so vieles nicht, was er trotz erleittener Verluste immer noch von so vielen bekommt.
Liebe Anneli ... . Ich wünsche dir "alles", was hier im Nichts geendet hat. Ich wünsche dir Vergessen. Frieden. Ruhe. Lichter überall. Zugang zu der Musik, die du gerne gehört hast. Wenn ich mir das Jenseits tatsächlich vorstellen darf, dann hast du jetzt mehr als nur das, was ich kaum in Worte fassen kann.
Deinen Mördern wünsche ich eine Hölle, in die sie dich nicht schicken konnten.
Obwohl ich mit zu vielen Gedanken noch lange nicht am Ende bin. Obwohl ich dich nicht kannte. Über das, was sie jeden Tag über dich schreiben, über die unzähligen Kerzen und Liebesbeweise habe ich dich ein wenig kennengelernt.
Ich wünschte, an diesem einen Tag wäre alles gut gegangen. Ich wünschte, du wärst zu deinen Eltern zurückgekommen, in einer ganz normalen, ganz sorglosen Woche, wie ich sie wohl erlebt habe. Wie ich sie jetzt nicht mehr in Erinnerung haben kann.
Es tut mir so leid.
Happy Birthday.