Liebe Familie Riße, gerade heute, am Heiligen Abend, ist es mir ein Herzensbedürfnis hier ein paar Zeilen zu hinterlassen. Schon lange hatte ich vor, Ihnen mein Beileid auszusprechen, aber Irgendetwas hat mich bisher zurückgehalten. Überall in unserem Land feiern die Menschen Weihnachten, überall gibt es Familien, die im vergangenen Jahr einen lieben Menschen verloren haben. Alle feiern Weihnachten, bei denen, die einen lieben Menschen verloren haben, wird es anders gefeiert werden, als in den Jahren zuvor. Auch bei Ihnen ist dieses Weihnachtsfest ein anderes als in all den Jahren zuvor, weil auch bei Ihnen ein Stuhl leer bleibt und auch für immer leer bleiben wird. Gerade jetzt an den Feiertagen werden Sie sicher noch einmal mehr spüren, was Ihnen genommen wurde. Es werden sicher Erinnerungen wach werden, wie es in den Jahren war, als Anneli noch lebte. Es schmerzt mich sehr, dass es mir nicht möglich ist, Ihnen auf irgend eine Weise zu helfen, dass ich Ihnen nur Mut zusprechen kann, für die Zeit, die noch kommen wird. Sie sind sehr stark von Gott geprüft worden in diesem Jahr. Und mir drängt sich immer wieder ein Gedanke auf: "Was ist schlimmer, der Mord an Anneli oder das, was Sie jetzt erleiden müssen?" Sicher ist der Mord das Schlimmere von beiden, aber mit den Gedanken an diese Tat leben zu müssen und den erlittenen Verlust verarbeiten müssen, ist mit Sicherheit nicht leichter. Man fragt sich wo Gott bei dem Geschehenen war. Ich bin mir sicher, dass er die ganze Zeit bei Anneli war, auch im Augenblick ihrer Entführung und auch ihres Todes. Es fällt uns mit unserem menschlichen Verstand sicher schwer diese zu denken. Das Verbrechen an Ihrer Tochter und Schwester hat mich tief bewegt und beschäftigt mich noch immer sehr stark. Es ist irgendwie das erste Mal, dass mich das Schicksal eines fremden Menschen und der Angehörigen so sehr berührt. Durch meine Tätigkeit als Kirchvorsteher komme ich recht häufig mit den Schicksalen anderer Menschen in Berührung. Oft steht man in der Kirche am Lesepult und ließt bei den Abkündigungen den Namen eines Verstorbenen vor. Manchmal sind es Menschen die man kannte, zu denen man eine Beziehung hatte und manchmal sind es völlig Unbekannte. Bei all den Namen die ich in den letzten Jahren vorlesen musste, habe ich wenig empfunden, obwohl da eine gewisse Nähe vorhanden war. Und dann geschah das mit Anneli und auf einmal war für mich alles anders. Es ist schon verrückt, welcher Situationen es bedarf, bis man seinen Nächsten wirklich in den Blick nimmt. Ich muss Ihnen meine Hochachtung und meinen Respekt aussprechen, wie tapfer Sie das Ihnen zugefügte Leid ertragen und versuchen mit der Situation umzugehen. Was ich aus der SZ entnehme, zeugt von einem sehr innigen Verhältnis, das Sie zu Anneli hatten. Man kann froh sein, das Anneli eine solche Familie hatte. Die Worte und Bilder auf dieser Internetseite sind Zeugnisse echter Liebe zu ihrem Schatz. Besonders bewegt haben mich die Worte von dem Engel, der geboren wurde. Ich wünsche Ihnen, dass Sie jedesmal wenn Sie die Weihnachtsgeschichte lesen oder hören den Ruf des Engels "Fürchtet euch nicht" aus dem Mund Ihres Engels vernehmen. Das in diesem Augenblick Anneli zu Ihnen spricht. Das Ihr Engel Ihnen den "Frieden auf Erden" verkündet und das diese Wort Kraft geben für die Zeit, die noch kommen wird. Dass Sie aus diesen Worten Kraft für den weiteren Lebensweg schöpfen können. An dieser Stelle möchte ich Ihnen die 1. Strophe eines Kirchenliedes mitgeben: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann." (EG 361, Paul Gerhardt) Egal was noch kommen wird, Gott wird bei Ihnen sein, er wird Ihnen einen Weg zeigen, auf dem Sie, trotz allem Geschehenen sicher gehen können, auch dann, wenn dieser Weg kein leichter sein wird. Jeder Tag ohne Anneli ist schwer und wird sicher auch immer schwer bleiben, weil niemand weiß, wie viele solcher Tage noch kommen werden. Doch jeder Tag ohne Anneli ist gleichzeitig auch ein Tag weniger bis zum Wiedersehen in Gottes Reich. Ihre Tochter und Schwester ist schon dort. Dort muss sie nicht mehr leiden und hat keine Schmerzen mehr. Dieser Gedanke ist, wenn überhaupt, nur ein schwacher Trost. Ich wünschte Gott hätte mir jetzt bessere Worte eingegeben und ich hoffe sehr, dass ich Ihnen mit meinen Worten keine zusätzlichen Schmerzen bereitet habe. Wenn es etwas gibt, was ich tun könnte um Ihnen zu helfen, würde ich es gerne tun. In meine Gebete schließe ich Sie und auch Anneli täglich mit ein, doch mir erscheint dies noch zu wenig, auch wenn es schon viel ist. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest mit hoffentlich einigen besinnlichen Augenblicken, die nicht nur von der Trauer bestimmt sind und alles Gute und Liebe für das kommende Jahr. Viele Grüße aus Possendorf. In Christus verbunden, Peter Behrendt