Das Verbrechen an Anneli und ihrer Familie ist so böse, so tieftraurig und so bitter, daß es mir extremst schwer fällt, ja fast unmöglich ist, mich dazu zu äußern. Eine Grenze muss ich dazu überschreiten. Nichts kann sie jemals trösten. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Ihr ganzes Leben werden sie immer und überall an Anneli erinnert werden. Und in jedem Herzschlag werden sie Anneli spüren. In "Ein paar Worte" schreiben sie: "Ohne diesen aufopferungsvollen Einsatz ist es nicht möglich, so einen Schicksalsschlag auszuhalten und zu überstehen." Wieviel kann ein Mensch ertragen? Allein diese bittersten Worte machen deutlich, dass ein solches Verbrechen, ein solch menschliches Schicksal zuviel für jeden Menschen und für jede Familie ist. Schon uns Außenstehenden ist so schwer ums Herz. Schon wir Außenstehende werden an die Grenzen des Erträglichen gebracht. Und darüber hinaus. Deshalb kann ich nur mit ganzer Seele schreiben. Mit ganzem Herzen. Wohlwissend um die Gefahr der Verletzbarkeit. Aber ich möchte ihnen beistehen. Mit der Forderung als Teil der ganzen Gesellschaft, daß diese hinterhältigen und grausamen und feigen Verbrecher nie mehr das Gefängnis verlassen! Und mit meinen Empfindungen. So wie andere hier ihre seelischen Empfindungen beschreiben, mit Mondlicht und mit Sonnenlicht und Wolken, und dadurch verletzbar werden. Auch wenn wir alle wissen, daß Anneli im kalten Grabe liegt. Wer zweifelt denn daran? Ich verstehe sie, ich verstehe diese Empfindungen. Und ich verstehe, daß Menschen sich auf weiten Weg begeben haben um ihnen am 29. August zur Seite zu stehen. Oder Anneli's Grab zu besuchen. "Denn wer einmal den Menschen in sich begriffen hat, der begreift alle Menschen." (Stefan Zweig) Nicht unsere seelischen und zutiefst menschlichen Reaktionen auf das Verbrechen sind unnatürlich, sondern das Verbrechen ist es. Ja, ich verstehe diese seelischen Reaktionen der zutiefst geschockten und zutiefst betroffenen Menschen. Die Menschen, welche hier mit Tränen in den Augen und schwerem Herz schreiben, die verstehe ich. Nein! Das Verbrechen ist es, was ich nicht verstehe! Ich verstehe diese Kaltschnäuzigkeit nicht, diese unbarmherzige Grausamkeit, diesen brutalen Egoismus. Einem Mädchen das Leben zu rauben, das verstehe ich nicht! Liebe Familie Riße, Weihnachten, das "Fest der Liebe", bedeutet mir sehr viel. Es ist mir heilig. Es ist Teil meines Herzens. Und gerade weil Weihnachten für sie als Familie ganz besonders schwer zu ertragen sein wird, ja unerträglich sein wird, und sie alle mit schweren und gebrochenen Herzen diese Zeit trotzdem überstehen müssen, möchte ich Anneli in der Adventszeit besuchen. Auch um ihnen als Familie beizustehen. In ihrer Trauer, ihrer Zerrissenheit, ihrem Schmerz, und in ihrer unendlichen Liebe zu Anneli. Und auch wenn ich weiß, daß all unsere behutsamen Umarmungen, unser zutiefst empfundenes schmerzhaftes Mitgefühl ihnen kaum Licht geben kann in einem unvorstellbaren Schmerz der tausendfach und tausendfach in den Herzen ihrer Eltern und Geschwister und ihrer gesamten Familie grausam wütet, möchte ich sie dennoch alle behutsam umarmen im Namen unserer ganzen Familie. Mögen sie alle ihre Seele bewahren. Mögen sie alle eines Tages wieder das Lichte in der Welt sehen, mit Anneli im Herzen und mit Anneli an ihrer Seite. Wir werden sie niemals vergessen, die kleine Klavierspielerin. *** "Mitgefühl ist eines der vielen Gesichter der Liebe. Es ist unsere wahre Natur." Eli Jaxon-Bear.