Liebe Anneli. Jeden Tag lese ich in Deinem Buch, welches Dir gewidmet. So sind mir natürlich auch die Sätze aufgefallen, welche die Befürchtung zum Ausdruck bringen, daß man Deine Würde verletzt, wenn man Deine Erscheinung in den Vordergrund stellt. Das würde ich auch verstehen, wenn es geschehen wäre. Aber ich glaube es geht nicht hauptsächlich um das engelhafte Antlitz eines Mädchens. Man kann nicht einen Satz herausnehmen aus vielen geschrieben Sätzen, sondern muss alles im Zusammenhang sehen. Dann kann man sich ein gesamtes Bild machen. Deine ganze Persönlichkeit zu erfassen ist auch nicht möglich, liebe Anneli, schon gar nicht von Menschen die Dich nicht persönlich kannten. Man kann nur erahnen, was Dich im Leben bewegte. Und wer kannte Deine Träume und Emotionen und Empathien denn wirklich? Einmal war ich in Amsterdam und hatte mir das Anne-Frank-Museum angesehen. Neben anderen Dingen habe ich vor allem eines nicht vergessen: die Sätze ihres Vaters, der nach dem Lesen ihrer Tagebücher damals sagte, daß er nicht erahnt hatte, was seine Tochter im Innersten wirklich bewegte. Und mehr noch, er sagte auch, daß es wahrscheinlich kein Vater wirklich weiß. Nein, liebe Anneli, ich sehe vieles in Dir. Nicht nur ein Mädchen mit dem Antlitz eines Engels. Du warst immer freundlich zu den Menschen die Dich umgaben. Du hattest Talente und Begabungen, mit welchen die meisten Menschen im ganzen Leben nicht gesegnet sind. Du hattest ein behütetes Elternhaus. Wirkliche Freundinnen und Freunde im Leben, welche Dich niemals vergessen werden. Oder Menschen die Dich einfach nur gern hatten. Und welche die Dich geliebt haben und immer lieben werden. Und auch wenn Du das alles nicht gehabt hättest, wäre das was geschehen ist, genauso unfassbar. Unfassbar! Nichts ist vergessen, gar nichts. Die Zeit hat nichts geändert. Daß einem Mädchen mit einem grausamen Verbrechen alles genommen wird, ist so grausam, daß einem die Worte versagen. Und auch wenn ich viel schreibe ist es nicht Ausdruck dafür, daß ich Worte gefunden hätte für das Unfassbare, sondern Ausdruck meines Entsetzens. Es tut mir weh, auch wenn ich Dich nicht persönlich kannte. Du liebe Maus. Aber niemals könnte ich über die Ängste Deiner Mama und Deines Papa's schreiben und durch was sie gegangen sind. Und durch was sie gehen. Das wäre anmaßend. Es ist nicht möglich. In den vergangen Jahren seit August 2015 habe ich sehr oft an Dich gedacht, liebe Anneli, jeden Tag. Ich werde Dich niemals vergessen, liebe Anneli. Und jeder der hier schreibt und geschrieben hat ist Teil eines gesamtenen Bildes, nicht nur des Entsetzens und des Unfassbaren,sondern jeder Satz und jeder Brief in Deinem Buch, absichtlich oder unabsichtlich, gibt Dir auch einen Teil Deiner Würde zurück. Einem Mädchen welches faszinierend und einzigartig gewesen. Es wäre, so glaube ich, Anneli gegenüber nicht fair, das im Buch welches Anneli gewidmet, nicht zu erwähnen.