Liebe Anneli,
bald ist es wieder soweit. Seit es August ist, schaue ich auf den Kalender, hoffe irgendwie, dass dieser Tag mit deinem Todesdatum doch nicht kommt. Aber natürlich wird es das. Zum dritten Mal, nun schon. Dein Schicksal lässt mich nicht los. Jeden Tag führt mindestens ein Gedanke zu dir hin und ich frage mich in einer endlosen Zeitschleife dutzende Fragen, die keiner mir beantworten kann. Ich denke an deine Familie und daran, wie sie den nahenden Tag verbringen wird. Ich denke an die wohlgenährten, gut versorgten Mörder und wundere mich nicht, wenn ich glaube, dass es spurlos an ihnen vorübergehen wird. Man liest hier so oft von Demut und Sinn und Gottes Segen und, dass Selbstjustiz keinen Zweck erfüllt. So viel davon mag stimmen. So viel anderes wiederum … . Wieso dürfen sie weiterleben, wenn du es nicht kannst. Was ist das für ein Tausch, sie gegen dich. Wie kann es sein, dass so etwas möglich ist. Dass so etwas ungestraft bleibt. Was passiert hier, immer und immer wieder. Man liegt wach und weiß es nicht. Man ist beschäftigt und verdrängt es, so lange, wie die Beschäftigung andauert. Kaum etwas hält mich so gefangen wie das, was dir angetan wurde. Man kann dieses Grauen kaum antasten. Man hat Tränen in den Augen, obwohl man in sicherer Entfernung wohlbehalten und geliebt in seinem Bett liegt. Man fühlt sich ein Stück weniger hier zu Hause. Denn wohlbehalten und geliebt, das warst du auch. Doch das hat zwei von denen nicht aufgehalten. Und auf einmal war dieser Ort nicht mehr wiederzuerkennen. Menschen lachen, scherzen und verrichten banale Alltäglichkeiten. Es scheint alles normal und okay zu sein und manchmal fühlt es sich an, als wäre diese zweite Wirklichkeit, in der eine Grausamkeit die andere übertrifft, bloß eine Erfindung aus einem Roman. Und dann wieder ist es ganz nah, wie die einzige Realität, die stimmt. Dann kann ich das Lachen und die Scherze nicht verstehen.
Ich kannte dich nicht, doch seit ich weiß, dass es dich gab, begleitest du mich. Ich möchte alle Gedanken dir widmen und keinen denen, die dich deiner Familie und jeder Möglichkeit geraubt haben. Ich schaffe es nicht immer. Dann will ich eine richtige Strafe sehen, etwas weit Schlimmeres als wenige sanfte Jahre hinter Gitter. Doch dass "sie" für mich jedes Recht auf ein Leben, oder sogar bloßes Dahinvegetieren verwirkt haben, ist nicht das Maß aller Dinge. Das bedeutet nicht, dass geschehen wird, was ich für richtig erachten würde.
Ich werde weiterhin täglich an dich denken. Ich werde alle Einträge hier lesen und mir dein wunderschönes Klavierspiel anhören. Ich lese, was deine Familie jeden Tag aufs Neue schafft und meistert. Im Herbst besuche ich zum ersten Mal dein Grab, um endlich den weißen Engel zu sehen. Vielleicht, ...nur vielleicht..., hält das die Monster ein wenig auf Abstand. Vielleicht, auch wenn keine göttliche Macht mit dem Verbrechen an dir zu vereinbaren ist, ich nichts davon verstehe und mich gegen jede gutgläubige Schönrederei wehren will, kann es etwas helfen. Für alle Zeit solltest du im Mittelpunkt stehen. Dein Licht, nicht deren Dunkelheit.
Ich wünschte so sehr, du wärst noch am Leben. Ich wünsche so sehr, deine Eltern hätten dich nie verloren und die Traueranzeige für dich hätte nie gedruckt werden müssen. Ich möchte so gern an alles glauben, was deine Schmerzen und das Leid deiner Familie lindert. Du hättest so vielen niemals auf diese Weise bekannt werden sollen. Wir alle sollten das alles gar nicht aufschreiben.
Es steht mir nicht zu, dir irgendwelche Worte in den Mund zu legen. Was du gewollt hättest … was du nicht gewollt hättest. Du hättest dein Leben gewollt. Nur das. Nur das war nicht zu viel verlangt.
Von hier aus kann man nur so wenig tun. Eigentlich so gar nichts. Man kommt sich so hilflos und dünn vor. Worte sind nur Worte, auch wenn man verzweifelt an ihnen herumbastelt, wenn man ständig versucht, sie in mehr zu verwandeln.
Du berührst und bedrückst mich, jeden Tag.
Die herzlichsten Grüße an deine Familie.
Bis bald, am Engel.