Ich gehöre zu den vielen hier, die Anneli nicht gekannt haben, die dennoch jeden Tag an sie denken, seit sie von ihr wissen. Ich lese alle Einträge in diesem Gästebuch, manche mit einem kleinen Stirnrunzeln, andere mehrmals und nochmal, weil ich, wäre die Idee meine gewesen, versucht hätte, es auch so zu schreiben. Die Bilder von Anneli habe ich im Kopf. Manchmal denke ich, ich habe sie in der Stadt gesehen. Manchmal, beim zweiten Hinsehen, waren es nur die langen dunkelblonden Haare eines Mädchens, die im eigenen Kopf eine Brücke zu Anneli gebaut haben und mehr Ähnlichkeit ist gar nicht vorhanden. Das Hochladedatum eines Videos, das ich im Netz anklicke, hat plötzlich Bedeutung. Videos aus dem Jahr 2014 kann ich genießen, doch je näher sich eine Zahl der zweistelligen Tage im August 2015 annähert, desto weniger möchte ich es anschauen. Es heißt in der unteren linken Ecke August 2014 und ich denke daran, dass noch ein Jahr Zeit ist. Um etwas zu tun, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um ihr Leben zu retten. Es heißt in der unteren linken Ecke August 2017 und der Gedanke ist zwei schreckliche Jahre zu spät. Ich kann nicht sagen, warum bei all den Grausamkeiten quer durch die Welt Anneli-Marie so eine große Auswirkung auf mich hat. Vielleicht kann ich es doch sagen und unterlasse es, weil ich kein Recht habe, mich mit denen auf eine Stufe zu stellen, die sie kannten. Die Vorstellung von ihrem Tod brennt hier in der Ferne, die unkorrekte, graue, reißende Vorstellung aus nächster Nähe kann von niemandem auf Papier gebracht werden, der zu jedem Zeitpunkt der Stunden, Tage, Wochen, Jahre danach woanders war als im inneren Kreis. Ich bin lange aus der Kirche ausgetreten, die Abwesenheit eines Gotts welcher Religion auch immer scheint mir so spürbar wie der kleinste Schmerz und wer großherzig den Begriff Vergebung in den Mund nimmt, vergisst, dass sie nur fühlenden Menschen geschenkt werden kann. Menschen, die ein zugefügtes Unrecht nicht wollten, die niemals jemandem weh tun wollten, die das Schicksal selbst bestraft hat, weil sie mit ihrem Leid und dem so vieler anderer leben müssen. Monstern muss weder vergeben werden, noch braucht es eine Diskussion, wie christlich Vergebung in diesem Fall wäre. Ein Mord wie dieser steht nicht frei für eine weitere Debatte um die Täter-Herzen. Die Welt war im Moment ihres Ausbruchs gottverlassen. Da ist nichts, in diesen Männern, da wird niemals etwas sein und kein Wort kann den Ausmaßen der Widerwärtigkeit gerecht werden. Sie haben keine Namen, keine Identitäten und sollte sie das irdische Leben irgendwann nicht mehr beschützen können, hoffe ich auf Dinge, die hier ausgesprochen nicht hingehören.
Die Kraft und das Leitbild der Familie, das Erstehen der Stiftung und des Engels, es ist der einzige und größte Gegensatz zu der Tat, welcher das hübscheste Mädchen zum Opfer fallen musste.
Weil ich sie nicht kannte, kann ich mir keine weiteren Beschreibungen anmaßen.
Aber ich denke jeden Tag an sie, kann und werde nicht damit aufhören. Im kommenden Jahr möchte ich ihr Grab besuchen. Ich habe es schon so lange vor, wusste immer nicht, ob ich als Außenstehende sollte und darf. Nun steht es fest auf der Liste für 2018.
Vielen Dank für dieses Buch und die Möglichkeit, darin zu schreiben.