Liebe Trauernde und Gequälte,
ich wage meinen Gruß und meine Geschichte in die Ferne zu senden, in der Hoffnung es kommt tröstlich an. In frühester Kindheit war ich schwerster Gewalt ausgesetzt. Hinzu kommt, dass lebensbedrohliche Gewalt leider mehrfach (verschiedene Orte / verschiedene Menschen) geschah. Wäre es nur einmalig gewesen, so wäre es für mich leichter einzuordnen, zu überwinden, mein Weltbild wäre erfreulicher, mein Glaube an die Menschheit größer, der Glaube an mich, mein Wertgefühl wäre höher, mein Lebenswille und meine Schaffenskraft wären stärker. Aber mein Weltbild wurde sehr früh und tief erschüttert. Ich habe seltsamerweise überlebt, bin erwachsen geworden, trage aber Folgen in mir. So sehr ich mich bemühe, ich werde die Last nicht dauerhaft los. Mit den Abgründen der menschlichen Seelen habe ich mich - nolens volens - von Kindheit an beschäftigt, inzwischen also viele Jahrzehnte lang. Viele Jahre blieb es abwechselnd bei sprachlosem Reflektieren und Verdrängen, erst spät und unter Qual fand ich halbwegs passende Worte. Ein stabiles Urvertrauen hatte ich kaum: Ich hatte - abgesehen vom ersten Lebensjahr - nie eine wirklich unbeschwerte heile Welt. Die Täter stammten aus dem Umfeld, dem man vertraut. Bittere Erkenntnisse. Manchmal, wenn Erinnerungen unerträglich werden, kommt mir in den Sinn "Hätte es damals doch nur ein Ende gehabt, ich will nicht mehr" und "Eine kürzere Qual ist besser als jahrzehntelange Qual." Danach sage ich mir "Es hatte aber kein Ende" und "Was kann ich tun?" und "Kann ich überhaupt etwas tun?" --- Schlimme Erlebnisse prägen und verändern Menschen. Am eigenen Leib kennengelernte Qual verändert den Blick. Auch Anneli hätte sich zweifellos verändert, falls sie die Tat überlebt hätte. Ich betrachte sie als "Schwester im Geiste". Sie ist nicht weg, sie ist verwandelt, transformiert, ihr Wesen wirkt fort. Ich sehe sie als wunderbaren Schutzengel für Kinder und Jugendliche, denen auf Erden Gewalt widerfährt, denn genau das würde ich tun, falls ich damals nicht überlebt hätte. Sie reicht geschundenen Menschenkindern unsichtbar die Hand, sie tröstet, sie steht ihnen bei. Sie freut sich am glücklichen Lächeln, das sie bewirkt, und sie hat viel zu tun. Helfen wir Anneli? Können wir, die wir auf Erden weilen, ebenfalls eine Kleinigkeit tun? Jeder an der Stelle, wo er hingestellt wurde? Es gibt so viele geschundene Kinderseelen. Die Sanktion von Tätern ist wichtig, um halbwegs Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen. Werden wir nach der Trauer den Blick erheben, und uns - je nach Kräften - einer geschundenen Kinderseele zuzuwenden, die liebevolle Zuwendung und Hilfe benötigt?